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81. Jahrestag des Unterganges des Segelschulschiffs NIOBE

Deutscher Marinebund e.V.                                                                                         26.  Juli 2013 Landesverbandsleiter Nord

 

Ansprache zum 81. Jahrestag des Unterganges des Segelschulschiffs NIOBE

                     

Verehrte Anwesende, meine Damen und Herren, liebe Kameraden,

wieder einmal stehen wir an diesem Ort und gedenken des Unterganges der NIOBE. Wenn sich ein Ereignis lange Zeit wiederholt, ist es nicht ganz einfach, in einer Ansprache immer neue Gesichtspunkte anzusprechen und damit das Interesse der Zuhörer zu erhalten. Nach inzwischen 81 Jahren, also einem guten Menschenalter, ist der eigentliche Hergang der Katastrophe so oft in allen Einzelheiten geschildert worden, dass ich ihn heute nicht noch einmal erläutern muss. Zudem verfüge ich weder über die Berufserfahrung eines Havarie-Sachverständigen noch über die eines Großsegler-Kapitäns. Deshalb erwarten Sie bitte von mir heute auch keine neuen fachlichen Erkenntnisse zum Untergang der NIOBE. Es geht mir vielmehr darum, einige Verbindungslinien zu ziehen, die von dem damaligen Unglück und dem Umgang damit bis in die heutige Zeit reichen.

Ich beginne mit der Segelschulschiffs-Ausbildung überhaupt. Immer wieder ist sie in Frage gestellt worden und von sogenannten Experten als unzeitgemäß abgestempelt worden. Und tatsächlich gibt es etliche Nationen, die auf eine ruhmreiche Seefahrtstradition zurückblicken können und dennoch heute kein größeres Segelschulschiff mehr betreiben. Demgegenüber stehen Staaten wie die USA, Russland, Italien, Portugal, Spanien, Mexiko, Argentinien, Chile und eben auch Deutschland, die daran festhalten. Das gilt nicht nur für die Marine, sondern auch für die Handelsschifffahrt, die allein schon aus wirtschaftlichen Gründen auf jeden überflüssigen Luxus und Schnörkel in der Ausbildung ihres Nachwuchses verzichtet. Die Indienststellung der neuen ALEXANDER VON HUMBOLDT ist ein weiterer Beleg für die Sinnhaftigkeit einer Segelschulschiffs-Ausbildung. Und auch die GORCH FOCK ist trotz der vor allem durch sensationslüsterne Medien hochgepeitschten Krise wieder in Fahrt. Die Erfahrungen der Lehrgangsteilnehmer bestätigen die Erwartungen: Nach wie vor ist das Segelschulschiff genau der richtige Ort, um junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken und weiterzuentwickeln. Das Erkennen eigener Leistungsfähigkeit und   –grenzen, das Herausbilden von Teamgeist und das unmittelbare Erleben der Naturgewalten sind erklärte Ausbildungsziele. Zudem kann die Werbewirksamkeit eines Großseglers nach innen und außen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das gilt gerade für eine Generation von jungen Menschen, die zwar scheinbar über unbegrenzte Informationsmöglichkeiten verfügt und teilweise schon in jungen Jahren weit gereist ist. Allerdings sind moderne Kommunikationsmittel und Luxusreisen kaum in der Lage, ein realistisches Verständnis der eigenen Persönlichkeit, vom Zusammenleben mit zahlreichen unterschiedlichen Menschen auf kleinstem Raum und schon gar nicht in Extremsituationen zu vermitteln. Genau das wird aber auch in der modernen Arbeitswelt besonders vom Führungspersonal gefordert. Besser als jeder mehr oder weniger theoretische Test ist ein längerer Aufenthalt auf einem Segelschulschiff geeignet, sich selbst und anderen Erkenntnisse über charakterliche wie auch körperliche Stärken und Schwächen zu vermitteln.

Die damalige Reichsmarine der Weimarer Republik musste unter den harten Bedingungen des Versailler Vertrages und den sich trotz aller Anstrengungen ständig verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen äußerst sparsam mit den verfügbaren Mitteln umgehen. Bei der Personalauswahl mussten die weitverbreitete Perspektivlosigkeit nach dem verlorenen Weltkrieg, extrem hohe Arbeitslosigkeit und ein kolossaler Vertrauensverlust in bisher anerkannte Autoritäten berücksichtigt werden.  Dennoch oder vielmehr gerade deshalb hatte die Ausbildung der Offizier- und Unteroffizieranwärter auf der NIOBE für die Reichsmarine einen ebenso hohen Stellenwert wie die des nautischen Nachwuchses auf den damals noch zahlreichen Segelschulschiffen der Handelsmarine.  Ähnliche Gründe sprachen nach dem verlorenen 2. Weltkrieg für die Wiederaufnahme der  Segelschiffs-Ausbildung.

Ein anderer Aspekt ist der Umgang mit einer Katastrophe, in diesem Fall dem Untergang eines Schulschiffs mit zahlreichen Toten.  Man kann darüber verzweifeln und aus Furcht vor neuen Opfern in den Fehler verfallen, die Ausbildung zu theoretisieren, um jegliche Gefahr von den kostbaren angehenden Führungskräften fernzuhalten. In der heutigen Zeit bedeutete dies wohl zunehmend die allgemein hochgelobte computer-unterstützte Ausbildung, im Fachjargon CUA genannt.  Es ist sicherlich richtig, gerade in der Ausbildung zu versuchen, auf Gefahren hinzuweisen und die unerfahrenen Neulinge dafür zu sensibilisieren.  Jedoch ist wohl die Bordpraxis auf einem Segelschulschiff besser als jeder Computer-Arbeitsplatz geeignet, den Nachwuchs des auch heute noch sehr praktischen Berufs des Seefahrers zu schulen. Natürlich verbieten sich Schikane und verantwortungsloser Leichtsinn besonders beim Umgang mit unerfahrenen Neulingen. Ebenso verantwortungslos aber wäre es, den jungen Leuten einzureden, das Leben und Arbeiten an Bord wäre gefahrlos.  Sicherlich sind alle vom Konstrukteur bis zum Ausbilder  gewillt,  Gefahren zu minimieren, aber ein Restrisiko wird es immer geben, nicht zuletzt durch den Faktor „Mensch“. So ist die alte Lehre keineswegs überholt, die da lautet: „Eine Hand fürs Schiff und eine  für sich selbst!“

Damit komme ich zum dritten und letzten Punkt, den ich anlässlich des heutigen NIOBE-Gedenkens ansprechen möchte, das Verhältnis des Menschen zur Natur.  Am 26. Juli 1932 befanden sich Stammbesatzung und Lehrgangsteilnehmer auf der NIOBE mitten im Frieden und noch dazu in einem Seegebiet , das mancher Seefahrer als „überschwemmte Wiese“ ansieht, der Ostsee. In Sichtweite der Insel Fehmarn, also sozusagen „vor der Haustür“, wurden sie von der Schlechwetterfront überrascht, die 69 Todesopfer forderte. Ganz so schlimm waren zumindest nicht wir Deutschen von der Hochwasser-Katastrophe vor wenigen Wochen betroffen. Aber es zeigte sich, dass trotz aller Erfahrung und moderner Technik auch hierzulande die Natur letztendlich alles von Menschen Erschaffene zunichte machen kann.  Man sollte sie nie unter- und sich selbst überschätzen.  Wenn Naturkatastrophen überhaupt etwas Gutes haben, dann ist es die Erinnerung des Menschen an seine Grenzen. Wenn bei allzu großer Technikgläubigkeit die Fähigkeit zum richtigen Einschätzen der Natur verloren geht, hat der moderne Mensch trotz aller Informationsmöglichkeiten lebenswichtiges Wissen nicht mehr zur Verfügung.  Dies ist jedoch besonders für Seefahrer und ihre Kollegen der fliegenden Zunft auch heute noch unverzichtbar.  Darum ist man gut beraten, wenn man die Berufsanfänger möglichst unmittelbar mit dem Einfluss von Wind, Seegang und Strömung auf ein Seefahrzeug vertraut macht. Auch deshalb hält die Deutsche Marine für die Offizier- und Unteroffizierausbildung Kutter und andere Segelboote und eben die GORCH FOCK im Dienst.  

Aus allen Unglücken und Katastrophen kann die Lehre damals wie heute nur lauten: „Nicht verzagen, wieder wagen, Seefahrt ist not!

Werner Hupfeld

 

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Eingetragen am 31.07.2013 um 17:26 Uhr
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